Das Paradies, 11. Dezember, Schauspiel Leipzig, alle Infos: www.dasparadies.org
Der Leipziger Musiker Florian Sievers, alias „Das Paradies“, bringt am 26. September sein drittes Studioalbum namens „Überall, wo Menschen sind“ heraus. Treibende Gitarren öffnen sich zu feierlichen Akkorden, gesangliche Fetzen geistern durch die Refrains, bevor sich die Melodien zärtlich an die Zeilen schmiegen. Sievers Poesie trifft auf einen essayistischen Ton. Eine bittersüße Note und eine Portion Leichtigkeit. Grund genug, bei Sievers nachzufragen
Hallo, Florian Sievers, Sie sind ein Leipziger, der in Halle aufgewachsen ist. Was haben Sie dort für eine Stadt erlebt?
Ich bin zumindest 1983 in Halle geboren. Wir haben dann dort drei Jahre im Stadteil Silberhöhe gewohnt, bevor wir nach Mecklenburg aufs Land gezogen sind. Durch viele Verwandte ist die Verbindung nach Halle zum Glück noch lange geblieben. Ich hab vor allem in den Sommermonaten viel Zeit an der Saale verbracht. Das war Anfang der 90er in meiner Kindheit. Ich habe Schlaglichter - wie Nordbad, Zoo und die Peißnitzinsel - in Erinnerung. Später, Ende der 90er als Teenager vom Lande, waren die Besuche dort meine erste urbane Erfahrung. Aufregend natürlich. Manchmal ein bisschen rau. Aber am Ende immer nahbar. Das hab ich sehr genossen. Ich war damals - und bin heute noch - immer gern dort.
Wie kamen Sie zur Kunst?
Laut meiner Familie war der Antrieb, sich Dinge auszudenken, Geschichten und später Lieder, früh und immer da. Darüber hat man sich gewundert, aber zu meinen Glück auch gefreut. Ich bekam Schlagzeug-Unterricht und hab allein auf der Gitarre geklimpert. Seitdem habe ich auf jeder Lebenstation bis heute immer Leute und Freunde und Freundinnen gefunden, mit denen ich zusammen Musik machen konnte. In Bands, später auf Tour, noch etwas später im Studio. Aber auch Menschen, die die Musik veröffentlicht haben, Konzerte buchen, Videos drehen. Ich glaube, das hat nicht die einzige, aber eine wichtige Rolle gespielt. Dadurch sind die Dinge und auch die Ideen immer im Rollen geblieben. Dafür bin ich sehr dankbar.
Der Dreck der Welt, die „Apokalypse“, das zwischenmenschliche Chaos. Jedes Mal, wenn ich Ihre Musik höre, denke ich, dass das doch bei Ihnen eine bewusste Entscheidung sein muss, all das Ganze mit versöhnlichen, positiven musikalischen Energien zu bündeln? Nicht umsonst nennen Sie sich ja auch „Das Paradies“. Stimmt das? Warum machen Sie das so?
Es gibt tatsächlich einige Paradies-Songs, bei denen diese Reibung passiert. Auf dem neuen Album beispielsweise beim Song „Die neue Illusion ist da“: Strophen mit Endzeit-Szenarien und im Chorus dann die vermeintliche Rettung durch „die neue Illusion“. Dazu eine vermeintlich happy Melodie. Ich denke, das entsteht durch den Prozess. Die Texte beispielsweise nehmen oft ihren Anfang mit einer Phrase, die mir begegnet, die hängenbleibt. Der Text entsteht dann in der Suche nach dem, was sich dahinter als Lied verbirgt. Dabei machen die Zeilen beim Werden immer Schwenks und Abbiegungen in die nächste mögliche Richtung. Vielleicht ein bisschen so, als würde eine Taschenlampe einen dunklen Raum ausleuchten. Ähnlich ist es bei der Musik, die parallel entsteht. Eine Art Stream of Consciousness, ein Bewusstseinsstrom. Dass dabei diese Reibungen, Zwischentöne und Widersprüche entstehen, die zusammen als Song mindestens ein Gefühl ergeben, empfinde ich das als Glücksfall.
Warum haben Sie mit dem Hamburger Musiker und Freund Albrecht Schrader das eigene Label „Krokant“ gegründet?
Anstoß war eine Cover-Version eines Manfred Krug-Songs, die Albrecht und ich aufgenommen hatten: „Wenn’s draußen grün wird“. Sowohl mein, als auch Albrechts damaliges Label hatten nicht so richtig Interesse daran, es zu veröffentlichen. Also haben wir es selbst herausgebracht, im letzten Jahr dann eine ganze eine Zusammenstellung mit Manfred Krug-Cover-Versionen von aktuellen Künstlern und Künstlerinnen. Das Cover-Artwork dazu kam auch aus Halle, vom Künstler Moritz Götze. Schöne Grüße an dieser Stelle! Mittlerweile veröffentlichen wir unsere eigene Musik dort und Alben von beispielsweise der Wiener Künstlerin „Resi Reiner“ oder der Band „Zucker“. Eine gute Aufgabe. Ich bin gespannt, was in den nächsten Jahren auf „Krokant“ noch passiert.
Dann existiert ein eigenes Studio im Leipziger Westen. Geben Sie uns einen Einblick in Ihre Durchschnittswoche, in Ihre Arbeit?
Das Studio besteht seit 2016. Von Connewitz aus, wo ich wohne, fahre ich zum Studio fast nur durch Wald und Park. Sehr angenehm. Das Studio selbst ist im Prinzip eine Art Atelier, nur eben mit Musikequipment. Mikrofone, Klavier, Synthesizer, Gitarren, Schlagzeug, so etwas eben. Letzteres ist über die Jahre mehr geworden, je nachdem, wohin die Klangsuche führt. Die meisten Instrumente sind so verkabelt, dass ich oder Gäste sie direkt spielen und aufnehmen können. Das macht das Arbeiten schön unkompliziert und spontan. Wenn ich an Musik für „Das Paradies“ oder an Theatermusiken arbeite, verbringe ich die Tage meist allein. Das gefällt mir oft so lange ganz gut, bis die Lieder und ich nach Gästen und Input von außen rufen. Oft kommen auch andere Musiker und Musikerinnen ins Studio, wir arbeiten gemeinsam an deren Musik. Diese Arbeit genieße ich sehr. Es entsteht eine eigene Dynamik. Platzmäßig wird es auch mal ein bisschen eng. Die Musiker und Musikerinnen fangen an, die Instrumente und Geräte etwas anders zu benutzen, als ich es würde - und ich bekomme das Gefühl, dass das kleine Atelier die Musiken, die hier entstehen, immer ein bisschen mitgestaltet.
Was ist Glück?
Das konkret zu benennen, ist schwer. Ich würde sagen: Meine Ahnung davon verändert sich immer mal. Eine Konstante, die mir bei der Suche vielversprechend scheint: Gute Leute um sich zu haben.
Text: Mathias Schulze
