Die gezähmte Widerspenstige, bis 17. August, Innenhof des Leipziger Ankers, alle Termine: www.anker-leipzig.de
Seit 2019 inszeniert Marco Runge im Hof des Leipziger Ankers ein sommerliches Stelldichein. Dieses Jahr hat er zusammen mit seinem Team auch den Text selbst geschrieben. Das Stück „Die gezähmte Widerspenstige” setzt eine Tradition fort, die gefällig, charmant, spielerisch, frivol und unterhaltsam den Zauber der kleinen Theatermagie feiert
Ein weißer Vorhang im Hintergrund, falsche Bärte, lockige Perücken, eine dicke Hornbrille, ein paar flatternde Gardinen und Sommerkleider, ein Tisch, Gläser, zwei Hocker, eine Leiter. Braucht es mehr, um sich die italienische Provinz, um sich ein idyllisches, aber verlassenes Weingut und eine gehörige Portion „La Dolce Vita“ vorzustellen?
Natürlich braucht es mehr, könnte man glauben. Besucht man aber das diesjährige Sommertheater des Leipziger Ankers, das wieder unter der Regie von Marco Runge steht, wird man eines Besseren belehrt. Das Stück „Die gezähmte Widerspenstige” überzeugt mit vielen aparten (Theater-)Spielereien, die trotz überschaubarer Story das Herz erwärmen.
Rocco, der in die Jahre gekommene Weingut-Besitzer, ist gestorben. So eine Aufregung gab es im verschlafenen Örtchen schon lange nicht mehr, so mancher Alteingesessener erinnert sich höchstens noch daran, wie irgendwann einmal ein Gedenkstein einem Parkplatz weichen sollte. Und Rocco hat eine kleine Überraschung hinterlassen: Sein Testament soll erst in einem Jahr verlesen werden. Da verrutscht seiner jungen Ehefrau Carla, die im Ort nur „die Eiskalte“ genannt wird, mal kurz das Fitness-Stirnband. Hatte sie nicht extra die Gretchenfrage „Sex oder Reichtum?“ bei der Partnerwahl genaustens entschieden, hackt sie nicht als Kompensation für ihre Enthaltsamkeit fleißig Holzstapel um Holzstapel? Was gibt es denn jetzt zu warten? Ist es nicht klar, dass sie das Erbe antreten wird?
Elena Maria Pia Lorenzon spielt die Carla, wie es ein sommerliches Stelldichein braucht: Aristokratisch, sexy, diszipliniert, voller Standesdünkel und Berechnung. Und doch schlägt in ihr ein Herz, rumpeln die menschlichen Begierden durch ihr streng geführtes Innenreich. Gina, die Haushälterin, die von Marcella Matos gespielt wird, geht forsch zu Werke. Sie will vom Notar - gespielt von Michael Rousavy - wissen, was im Testament steht. Matos spielt Gina demütig, gestisch und zum Schein akzeptiert sie ihren niederen Stand – und gleichzeitig versucht sie ihn verschlagen und hinterhältig zu verlassen.
Also nimmt sie sich den Notar zur Brust: Schnaps und Verführung. Es ist eine Pracht, wie Rousavy das verhuschte Männlein auf die Sommerbühne stellt: Die wehleidige Gestalt hinter einer Hornbrille verborgen, mit Fliege und Strickpulli und großem Gesichtsfasching, lässt ihn Gina den inneren Tiger entdecken.
Irgendwann plaudert er: Das Erbe geht an Carla, wenn sie ein Jahr lang den Reizen der Männerwelt widerstanden, wenn sie ein Jahr abstinent gelebt hat. Sollte sie jedoch der Lust frönen und das Holzhacken einstellen, soll nicht Carla, sondern Gina höchstpersönlich das Weingut ihr Eigenen nennen dürfen. Und Gina will diese Aufstiegschance natürlich nutzen. Also braucht es Männer. Männer für Carla! Es wäre ja gelacht, wenn sie nicht zur Wollust verführt werden könnte!
Während man von der Spiellust des Ensembles eingenommen wird, während die E-Gitarren-Livemusik von Marco Runge galant moderiert, während die Spielenden in mehrere Rollen und auch mal in die Erzählfunktion flitzen, zischt so manche ausbalancierte Frivolität, so mancher fein dosierter Slapstick-Moment durch den Sommerabend. Ab und an wünscht man sich ein wenig mehr sprachliche Raffinesse, aber die vielen kleinen (Theater-)Spielereien lassen diesen Makel vergessen.
Es ist einnehmend witzig, wie David Leubner als Hausmeister Luigi in Running Gag-Manier immer dann kurz die Bühne stürmt und nach der Leiter fragt, wenn sich die zwischenmenschlichen Konfrontationen zuspitzen. Es ist einnehmend frech, wie unvermittelt und ansatzlos die feine Carla in einer Einzelszene plötzlich ins Kinderspiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ verfällt. Oder man schaue sich die grandiose Zeitlupen-Szene mit dem zugereisten Francesco an: Leubner schüttelt als italienischer Gigolo, der mit der nackter Brust zucken kann, sein wallendes Haar – derweil Carlas Herz entflammt, ihre Rationalität wie Butter in der Sonne schmilzt.
Es ist auch vergnüglich, dass sich einfach mal eine Sequenz in verschiedenen Szenen wiederholt. Es ist amüsant, wenn die Spielenden mal kurz das Publikum anreden, die Szene als misslungen brandmarken und einfach zurückspulen. Es ist erstaunlich, dass man sich am ausschweifenden Mienenspiel von Michael Rousavy, an der Präsenz aller Spielenden kaum satt sehen kann. Die Spannung wird gehalten. Und schließlich ist es auch überraschend, dass und wie am Ende noch eine Prise Absurdität und Groteske unter das süße Leben gemischt werden. Herrlich, Rechtschreibstreitigkeit bei der Verlesung des Testaments! Tja, wer erbt denn jetzt?
Das Stück entwickelt eine tiefenentspannte Leichtigkeit. Es wird keine großen Theaterpreise gewinnen, aber es hat Charme. Der Zauber der kleinen Form. Das Stück ist wie ein beiläufiger Flirt – daraus entsteht kein Ehevertrag, daraus entstehen keine Kinder, vielleicht sogar noch nicht mal eine berauschte Nacht, die mit dickem Kopf endet. Aber diese Blickkontakte, diese kurzen Berührungen, dieser minimale Kuss schenken Freiheit und Fantasie, es prickelt würdevoll. Und genau deswegen wird man sich im Winter an eben jene wohlgeratene Beiläufigkeit erinnern.
Text: Mathias Schulze
