Stilbruch, 30. August, Gewandhaus Leipzig, 20 Uhr
Die Leipziger Band Stilbruch, die mit Geige, Cello, Schlagzeug und Gesang, durch die Landen zieht, feiert 20. Geburtstag. Veranstaltet vom Anker findet am 30. August eine große Sause im Gewandhaus statt. Grund genug, bei Sebastian Maul nachzufragen
Blicken wir zuerst zurück: Vor gut zwanzig Jahren ging’s von der Straße auf die Pro7-Showbühne. Wie kam das eigentlich?
Zu dieser Casting-Show „Germanys next Showstars“ kamen wir über viele Zufälle. Damals waren wir vor allem als Straßenmusiker unterwegs, hatten halb Europa mit unseren Straßenkonzerten bereist, studierten an der Dresdner Musikhochschule „Carl Maria von Weber“. Von einer Kommilitonin, die ihn verehrte, bekam unser damaliger Geiger den Tipp, dass wir uns bei einem, nicht näher beschriebenen Wettbewerb in Düsseldorf bewerben sollten.
Und dann?
Wir nahmen ein kurzes Video auf, schickten die Bewerbung ab. Als dann die Einladung folgte, waren wir sehr überrascht, dass es sich um eine Fernsehshow handelte und schätzten unsere Erfolgschancen als eher gering ein, da es laut dem Titel ja nicht um Musik, sondern eher um die „Show“ gehen sollte. Dennoch war unser Ehrgeiz geweckt und so waren wir sehr erfreut, dass wir die Jury aus DJ Bobo, Elton und Verona Pooth von uns begeistern konnten. Wir bestanden das Casting, worauf es direkt ins Halbfinale ging. Auch dort kamen wir weiter, und im Finale zeigten wir unsere beste Leistung. Das reichte zwar nicht für den Sieg, aber wir wurden einem großen Publikum bekannt.
Welche Erfahrungen haben Sie in der Castingshow gemacht?
Tatsächlich haben wir ausnahmslos positive Erfahrungen mit dem Showbusiness gemacht. Wir wurden von dem Team „relativ“ in Ruhe gelassen, konnten selber das umsetzen, was wir wollten. Am Tag der Ausstrahlung des Castings brach unsere Band-Homepage zusammen, da sich mit einem Mal sehr viele Menschen für uns interessierten. Einige Zeitungen und Magazine wurden auf uns aufmerksam und wir führten erstmals Interviews. Den größten Lohn ernteten wir aber ungefähr ein Jahr nach der Ausstrahlung. Die Sieger bekamen innerhalb der 2010 „Fantasy“-Europa-Tour einen Slot innerhalb der Show von DJ Bobo. Wir hatten während der SendungsAufzeichnungen DJ Bobo und sein Team kennengelernt, waren uns sehr sympathisch. Darum waren wir sehr glücklich, dass uns DJ Bobo auch mit auf die Tour nahm – als Vorband, wo wir ungefähr 25 Minuten in Deutschlands größten Arenen auftreten durften. Und dass, obwohl unsere Musik eher wenig mit DJ Bobo gemein hat, aber so war das ganze Programm dann ein richtiger Stilbruch.
Wie ging es danach weiter? Welchen Effekt hatte das?
In den darauffolgenden Jahren waren wir auf den Zetteln vieler Veranstalter, die uns in der Show gesehen hatten und spielten bei Stadtfesten, Empfängen, auch privaten Feiern, aber auch immer wieder mit Passion auf der Straße. Wir versuchten, den ganz großen Wurf zu landen, suchten uns eine Plattenfirma, die unseren Sound an die aktuellen Hörgewohnheiten anpasst. So produzierten wir 2015 das Studio-Album „Nimm mich mit“, das es bis auf Platz 79 der deutschen Album-Charts schaffte. Allerdings war dieses Album ein großer Kompromiss, denn von der eigentlichen Besetzung „Cello, Geige, Schlagzeug“ hörte man da sehr wenig. Alles war poppig aufgeblasen mit Gitarren, Keyboards und Effekten und spiegelte überhaupt nicht das wieder, was wir auf die Bühne brachten und für das uns unser zahlreiches Live-Publikum feierte.
Finanziell …
... lohnte sich das nicht wirklich, da die Plattenfirma den Großteil der Gewinne einstrich, sodass wir uns ziemlich schnell sicher waren, dass das nicht der richtige Weg sei. Wir trennten uns von dem Label und begannen wieder auf eigenen Beinen stehend alles selber zu machen.
Interessant!
So nahmen wir 2019 auf der Leipziger Parkbühne Geyserhaus unser Live-Album „Zuhause Live“ mit einem zusätzlichen Streichquartett auf. Das war der Sound, den wir wollten. Brachiale Streicher-Power und kein billiges Effekt-Gehasche. Keine Streicher, die versuchen, Rockmusik zu imitieren, sondern Streicher, die ihre klassische Blase verlassen und rocken.
Und heute?
Zurzeit machen wir Straßenmusik an ausgewählten Tagen und spielen vor allem von April bis Oktober bei Festivals, Stadtfesten oder öffentlichen Anlässen. Wir haben das große Glück, direkt nach dem Ende des Musikstudiums 2012, Stilbruch sofort als unseren Hauptberuf betreiben zu dürfen. Wir haben ein großes Netzwerk an Veranstaltern und freuen uns, jedes Jahr neue Höhepunkte in unseren Tour-Kalender aufnehmen zu können.
Was würden Sie rückblickend und mit der heutigen Erfahrung anders machen?
Ganz ehrlich: Eigentlich nichts. Unsere Devise war immer: Einfach machen, denn alles kann passieren. So sind wir vor 20 Jahren auf die Straße gezogen, um Menschen zu bewegen und zu begeistern und dieser Spirit lebt heute weiter bei unseren Bühnenkonzerten. Und auch die negativen Erfahrungen, beispielsweise mit der Plattenfirma, haben uns bestärkt, den eigenen Weg zu gehen und unsere Sinne darauf geschult, was wir nicht wollen: Kompromisse in der Musik.
Warum sollte man den Auftritt im Gewandhaus nicht verpassen?
Unser Jubiläumskonzert ist etwas ganz Besonderes. Ich habe mich drei Monate hingesetzt, habe unsere Songs für Symphonieorchester und Chor arrangiert. Mehr als 250.000 Noten wurden geschrieben, und wir werden Songs aus allen Epochen unseres Schaffens spielen. Von den englischen Anfängen „My Name is Life“ bis zu aktuellen Songs wie „Das wird groß“ und „Zuhause“. Mit dabei haben wir als Gäste außerdem die ukrainische Bandura-Spielerin Hanna Voitenko und die wunderbare Sängerin Julia Kraus. Da wir unsere Fans kennen, wissen wir, dass uns ein unglaublich stimmungsvoller Abend erwartet.
Text: Mathias Schulze
