Tobias Wagner „Death in Brachstedt“, Verlag Beltz & Gelberg, 2025
Der hallesche Schriftsteller Tobias Wagner, Jahrgang 1978, hat für sein Romandebüt „Death in Brachstedt“ den Klopstock-Förderpreis erhalten. Grund genug, bei Wagner nachzufragen
Wir reden Mitte Juli, gerade erreichte mich die Meldung, dass „Death in Brachstedt“ mit dem Klopstock-Förderpreis 2025, also auch mit 3.000 Euro, ausgezeichnet wurde. Weitere Preise könnten folgen, die Nominierungen stehen. Lassen Sie uns den Umstand nutzen, dass ich erst nach dem Interview zum Lesen komme: Nennen Sie drei gute Gründe, warum wir „Death in Brachstedt“ lesen sollten?
In erster Linie kann ich das Buch empfehlen, wenn ihr euch unterhalten lassen wollt. Das war meine wichtigste Intention beim Schreiben. Zwei Jugendliche machen Blödsinn, wenn auch vor dem ernsten Hintergrund des Lebens. In Leos Fall, das ist die Hauptfigur, heißt das, klarkommen mit einem demenzkranken Vater. Da hab’ ich Erfahrungen in meiner realen Familie. Und zweitens, lesen sollte, wer wissen möchte, welcher Film sich hinter dem Titel verbirgt, den die beiden Jugendlichen drehen. Ein Film im Buch, zwei in einem: Wo gibt's denn so was? Außerdem entsteht da noch diese Liebesangelegenheit zwischen Leo und Maja. Mir fallen noch mehr Gründe ein: Nora Tschirner, Bratkartoffeln, „Jurassic Park“, die Deutsche Bahn, Caspar David Friedrich, steckt alles drin in diesem Road-Movie-Märchen.
Zum Klopstock-Preis: Wie fühlt man sich, wenn einen Rainer Robra (Minister für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt; Anm. d. Red.) als „einen bemerkenswerten Autoren“ bezeichnet? Zuckt die Vorstellung, dass Sie bald als Schriftsteller-Star durch Deutschland reisen, ins Herz?
Diese Vorstellung ist ein schöner Tagtraum, mehr nicht. Ich schreibe zwar fleißig am zweiten Buch, aber ich kann ja nicht in die Zukunft schauen und einschätzen, ob es den Leuten gefallen wird. Deshalb habe ich einen Brotjob, den ich glücklicherweise auch sehr mag, da kümmere ich mich um Urheberrechtsverletzungen in der Buchbranche. Der Klopstock-Förderpreis hilft hoffentlich, dass ich meinen zweiten Roman bei einer Literaturagentur und dadurch in einem Verlag unterbringe. Und dann schauen wir mal, wie es weiter geht.
Sie sind gebürtiger Hallenser, haben in Halle Germanistik und Zeitgeschichte studiert. Warum haben Sie in Halle studiert? Warum sind Sie bis heute nicht weggegangen?
Ich habe damals, vor dem Studium, überlegt, ob ich woanders hingehe, Hamburg war eine Option. Aber ich habe mich hier immer wohlgefühlt, wollte meinen Freundeskreis nicht verlassen. Freundschaften sind von unschätzbarem Wert, das kommt auch in „Death in Brachstedt“ mehr als deutlich vor. Henri, der beste Freund von Leo, ist eine maßgebliche Figur und für die Geschichte und die darin enthaltenen Achterbahnfahrten hauptverantwortlich. Er treibt die Story an, indem er die Dreharbeiten organisiert und die erste Party seines Lebens auf die Beine stellt. Halle ist der Lebensmittelpunkt meiner Freunde und Familie und auch der Ort des Geschehens im Roman.
Wie kommt man nach dem Studium auf die Idee, Schriftsteller zu werden? Ich meine, die Brötchen sind teurer geworden. Was treibt sie an? Woher kommt die Leidenschaft fürs geschriebene Wort? Oder schreckt sie eher die „normale“ Arbeitswelt ab?
Eskapismus, ganz klar. Weltflucht war als Kind und Jugendlicher der Grund, mich dem Lesen und der Literatur hinzugeben. Das Buch war immer mein Medium Nummer eins. Außerdem gab es damals weder Netflix, noch TikTok, nur Schwarz-Weiß-Fernsehen. Aber als ich 2016 Vater wurde, hatte ich den Drang, selbst zu schreiben. Ich finde es unglaublich spannend mit 26 Buchstaben einen 200-Seiten-Roman zu schreiben und herauszufinden, ob der Text funktioniert. Soll heißen, ob er bei den Lesern und Leserinnen die gleichen Gefühle hervorruft, die ich beim Schreiben habe.
Mythen und Klischees: Wie kann man sich so eine Durchschnittswoche bei Ihnen vorstellen? Wird mit Eierlikör gegurgelt, um auf Inspirationen zu kommen?
Eierlikör werde ich mal probieren. Aber hauptsächlich kommt Kaffee zum Einsatz. Bisher läuft es durch die Unterstützung der Familie und Disziplin, so unromantisch das jetzt klingt. Den Alltag mit zwei Kindern, meine Arbeit und das Schreiben jeden Tag unter einen Hut zu bringen, ist oft nicht einfach. Das erste veröffentlichte Buch und die Preise helfen zum einen finanziell und insofern, dass die große Unsicherheit weg ist. Ich habe mich ja beim Schreiben von „Death in Brachstedt“ immer gefragt: Ist es das wert? Der Stress, die Zeit am Schreibtisch, die Mühe? Hat sich erfreulicherweise absolut gelohnt.
Was ist Glück?
Glück ist: eine Tasse heißer Kaffee und Zeit zum Schreiben. Glück ist, wenn man auf Gleichgesinnte trifft, die auch schreiben, man sich austauscht und gegenseitig kritisiert. Das geht in Halle zum Beispiel beim Dichterkreis oder in den Schreibwerkstätten, die der Friedrich-Bödecker-Kreis jedes Jahr anbietet. Glück ist auch eine Literaturagentin, die im richtigen Moment sagt, dass man sein Manuskript beim Peter-HärtlingPreis einreichen soll. Das Glück macht einen Handstand und gibt Küsschen, wenn man dann auch noch gewinnt.
Wann findet die nächste Lesung in Halle und Leipzig statt?
Ist aktuell nicht geplant. Ich war im Juni in Frankfurt beim Kinderund Jugendbuchfestival „Stadt Land Buch“. Im September habe ich Lesungen in Mecklenburg-Vorpommern. Auch in Brachstedt soll im Herbst eine Lesung stattfinden. Und Magdeburg ist angedacht. Wer mag, kann sich bei mir oder dem Beltz-Verlag melden und dann organisieren wir gern eine Lesung in Halle.
Text: Mathias Schulze
