Das letzte Wort im September hat der Leipziger Maler, Grafiker und Theaterpack-Regisseur Frank Schletter
Hallo, Frank Schletter, wenn Sie in diesen Tagen an Leipzig denken, welches Kompliment würden Sie der Stadt und/oder ihren Bewohnern machen?
Leipzig, du bist schön! Weil du alt bist, Geschichten erzählst - belebt mit jugendlichen und im Herzen jung gebliebenen Menschen, die miteinander reden, immer neue Ideen spinnen, um das Leben interessanter und reicher zu machen. Gut, dass es die riesige Spinnerei, die kleine Auengalerie gibt. Genau wie das Budde-Haus, das Restaurant Drogerie, die Moritzbastei, das Schauspiel Leipzig und den Laden auf Zeit. Ich Nordlicht habe mich 1984 für diese Stadt entschieden und das bis heute nicht bereut.
Und welchen Tadel würden Sie der Stadt aussprechen?
Ach Leipzig, vieles könnte besser laufen, wenn du dich um deine kulturellen Bestände besser kümmern würdest, besser achten würdest auf das, was gut und erhaltenswert ist. Du solltest kämpfen um deine Würde als international beliebte, weltoffene Kultur- und Handelsstadt, um unabhängige Medien! Auch denke ich, dass Leipzig sich seiner humanistischen Tradition und Verantwortung besser stellen muss. Kleines nicht repräsentatives Beispiel: Statt hunderttausende Euro für politische Selbstvergötterung zu verballern, geben wir doch den Ring einmal im Jahr den Leipzigern und ihren Kerzen zurück, damit sie ohne Show zusammenkommen, sich ihrer Freiheiten erfreuen und der Verluste gedenken, die diese bis heute kosten. So sparen wir, müssen beispielsweise weniger Sozialarbeiter in den Schulen streichen. Die Betreuung, Versorgung von Menschen, die an ihrer ökonomischen und mentalen Realität kaputtgehen, braucht mehr Beachtung, keine Einsparungen – da scheint mir bisheriges Selbstverständnis verlorenzugehen, auch Leipzig allmählich den Kompass zu verlieren.
Kriege, Klima, Inflation - überall Krisen. Wie gelingt es Ihnen, optimistisch zu bleiben?
Für meine Theaterarbeit besinne ich mich auf das Publikum, das zum Abschied lachend „Bis zum nächsten Mal“ sagt. Besinne ich mich auf Weggefährten, die sich von Ideen begeistern lassen, sich trotz unsicherer Entlohnung einbringen und wissen, dass freies Theater mehr bedeutet als proben, spielen, Rechnung stellen. Privat denke ich an Familie, Freunde, deren Familien und Freunde. Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt konnten mein Leben lang in Frieden, ohne Existenzangst entstehen und wachsen. Dafür bin ich dankbar, das wird bleiben.
Darüber hinaus, welchen Kulturtipp in oder aus Leipzig würden Sie unbedingt empfehlen?
Die Theater in ihrer Vielfalt, städtische, geförderte und ungeförderte, das Gohliser Schlösschen, das Beyerhaus, aber auch unbekanntere Begegnungsstätten wie das Monopol und das Gohliser Wannenbad, wo mit Engagement und Eigeninitiative Kultur etabliert wird. Davon kann es gar nicht genug geben.
So, und jetzt wirklich: Ihr letztes Wort?
Bemühen wir uns doch bitte alle um mehr Gelassenheit!
Max Feller
