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Sonntag, 24. März 2019
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: Tagestipps :: Unauflösbar :
Text: Mathias Schulze; Bild: Claudia Heysel

Terror, Studio – Anhaltisches Theater Dessau, vom 7. bis 25. März, alle Termine: www.anhaltisches-theater.de

„Terror" von Ferdinand von Schirach ist eines der meistgespielten Stücke der letzten drei Jahre in deutschen Theatern. Auch weltweit wird es inszeniert. Nun ist „Terror" unter der Regie von Wolfgang Hagemann auch im Studio des Anhaltischen Theaters Dessau zu sehen. Eine Bühnenkritik

Im Studio des Anhaltischen Theaters erstrahlen die Wände und der Boden im klinischen Weiß, überall wimmeln schwarze Punkte. Tische und Stühle, nur ein blauer Bildschirm in der Mitte der Bühne durchbricht die Fiktion eines Gerichtssaals, das Bühnenbild stammt von Moritz Nitsche. Die juristische Beratung kommt von Gunnar von Wolffersdorff. Sind alle
Ambivalenzen vor der Tür der Justitia ausgeschlossen? Stefan Reck begrüßt als Vorsitzender des Gerichtes das Publikum: „Vergessen Sie alles, was sie über diesen Fall gehört haben! Hören Sie gut zu, am Ende müssen Sie über das Schicksal eines Menschen entscheiden!" Schuldig oder nicht schuldig?
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Fortan wird in gut zwei Stunden der Stoff abgespult. Major Lars Koch, Schauspieler Andreas Hammer verleiht ihm einen aalglatten, einen schlauen und teils gefühlskalten Charakter, nimmt mitsamt seiner Verteidigerin (Christel Ortmann) Platz. Ihnen gegenüber sitzen Franziska Meiser (Mirjana Milosavljevic) und Staatsanwältin Nelson (Illi Oehlmann). Die schauspielerischen Freiräume, die ihnen das Stück gewährt, sind keine großen. Milosavljevic darf als diejenige, die um ihren Mann trauert, ein paar Tränen vergießen, ab und an spielt sie überfordert von all den juristischen Spitzfindigkeiten nervös in ihren Haaren.
Koch ist angeklagt, er schoss ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug ab, welches im Begriff war, ins Münchner Fußballstadion zu krachen. So rettete er (vermutlich) 70.000 Besuchern das Leben. Gleichzeitig tötet er 164 Menschen. Die Verteidigerin und die Staatsanwältin, immer halten sie den Blickkontakt ins Publikum, fahren nun alle argumentativen Geschütze auf. Zählt das Leben der Einzelnen weniger als das Leben der Vielen?
So weit, so juristisch spannend. Am Ende darf das Publikum abstimmen. Schuldig oder nicht schuldig? Lebenslänglich oder Freispruch? Jeder Besucher darf oder soll am Ende durch eine von zwei Türen gehen, einzeln und nacheinander. So wird die jeweilige Entscheidung gezählt. Sollte das Gewissen nicht im Geheimen befragt werden? Wie groß ist die Macht der Beobachtung durch die Anderen? In Schirachs Anordnung gibt es keine Graustufen. Die Frage, wie milde oder wie streng der Kampfpilot aufgrund seines Verstoßes gegen das Tötungsverbot bestraft werden kann, rückt erst gar nicht in den Fokus. Die Frage, ob es nicht angebracht wäre, den starken Dualismus (Schuldig oder nicht schuldig?) aufzulösen, eventuell ein neues Verfahren aufzurollen, bleibt unberücksichtigt.
Kann es sein, dass die Frage komplett falsch gestellt ist? Und wo kommt eigentlich der Terror her, wie entsteht er? Eine theatrale Inszenierung hätte hier Möglichkeitsräume erobern können. Was bringt dieses Spiel mit der Entscheidungsgewalt des Zuschauers mit sich? Warum urteilt er so oder so?
Die Schwäche des Stückes, manche würden vielleicht auch von Reiz sprechen, liegt darin, dass man mit einer Schwarz-Weiß-Entscheidung unter den vorgegebenen Rahmenbedingungen Farbe bekennen muss. Genau hier kann sich aber all das verlieren, was Theater eigentlich so bedeutend macht.
Das Gefühl der großen Ratlosigkeit, kann just dann verschwinden, wenn man als Schöffe nach Gründen für seine Entscheidung sucht. Statt ein Gespür für die Grauzonen des Lebens zu bekommen, statt die Unauflösbarkeit eines moralischen Dilemmas quälend zu spüren und den Blick auf Alternativen zu lenken, droht die Gefahr, das Theater als rechthaberischer Schöffe zu verlassen.
„Terror" im Studio des Anhaltischen Theaters Dessau verlässt sich zu sehr auf den juristischen Reiz des Stoffes, der wahrlich funktioniert. Und zwar bestens. Aber indem man nur den Stoff nachspielt, entsteht auch ein poetisches Defizit. Nur ein einziges Mal blitzt das Potenzial des Theaters auf. In einer Szene steht die Schauspielerin Mirjana Milosavljevic als trauernde Witwe vor dem blauen Bildschirm, sie betrachtet dort ein Flugzeug – vereinsamt und desillusioniert. Ihr Kopf ist zermartert von juristischen Argumentationen, ihre Seele verloren.
So ein „Terror" braucht mehr Theater.
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