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Montag, 23. Juli 2018
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: In Leipzig :: Digga :

Meigl Hoffmanns Central-Kabarett" gehört ebenso in die Innenstadt wie die aufgetakelten Blondinen im Barfußgässchen. Und doch hat sich beim Leipziger Tausendsassa einiges verändert. Jetzt knallt Hoffmann ein neues, großartiges Programm auf die Bretter. Am Stand der Dinge von Lumpen, Flaschen und Altpapier" heißt es und hebt damit die Leipziger Kabarettszene in eine neue Dimension. Wie hat Hoffmann das geschafft? Zeit für eine Würdigung



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Harmlos sieht es aus, das Bühnenbild. Ein Zeitungskiosk, die schönsten Verheißungen prangen links und rechts: Heiße Wurst Blätter" und King Kiosk Neues von gestern" steht da geschrieben. Aufgereiht sind sie, diese Informationsmedien, die aus der Hand weniger Inhaber permanente Gedankenkäfige unters Volk schießen. Die Überschriften verkünden vom Nabel der Welt, der uns gefangen hält: Heidi Klum Ihr dunkles Geheimnis", Gauck Zurück zur Ehefrau".

Die Bühne ist ein Umschlagsplatz der Welt, alles raschelt von einer Seite zur nächsten. Mittendrin? Ein Barhocker. Am Keyboard sitzt Karsten Wolf, jede Titanic" braucht ihre Untergangsmelodie. Regie? Ekkehard Dennewitz. Hoffmann kommt als Verkäufer, der ne Fuffzehn macht. Das Publikum bekommt noch schnell Spirituosen gereicht. Ist nun die Zeit gekommen, sich wenigstens intellektuell und moralisch über den ungezügelten Raubtierkapitalismus zu erheben? Hat man sich wieder ein Ticket für den Genuss der eigenen kritischen Selbstgenügsamkeit gekauft? Nein! Was folgt, ist die letzte Konsequenz, die ein Kabarettkünstler ziehen kann. Hoffmann wird sich verausgaben. Es wird tragisch, breitbeinig absurd und lustig.

Ein Mensch, wie stolz das klingt. Hoffmann tunkt sein Haupt in den Dreck der Zeit. Die Wucht der Performance ist eine Selbstbehauptung. Genau diese existenzielle Dringlichkeit zieht sich durch. Grandios. Hoffmann als Trüffelschwein, welches gnadenlos die Widersprüche sucht, sie umgarnt, sie mit kometenhafter Geschwindigkeit ins Brennglas nimmt. Versöhnung, Beiläufigkeit, Gefälligkeit war gestern. Sind die Widersprüche gefunden, platzt eine Kreativitätsbombe. Hoffmann staffiert sie aus, huldigt ihnen. Mit berauschenden Wortkaskaden wird neue Kraft in sie hinein gepumpt. Es ist, als würde das bloße Erkennen und Benennen nicht mehr reichen, es ist, als würden erst die abgefahrensten Wortspiele ein Indiz für Wahrhaftigkeit sein. Es reicht nicht, den Irrsinn zu zeigen. Der Irrsinn muss bis zu den Sternen brennen.

Und dann kommen die Rollenspiele. Ob Oma oder Yuppie: Hoffmanns dargestellte Charaktere zeigen, dass er seine Mitmenschen nicht nur studiert. Er entdeckt sie in sich selbst. All diejenigen, die beim Abbau der sozialen Marktwirtschaft kreuchen und fleuchen, fliegen und siegen, also alle, findet Hoffmann in seiner eigenen Seele. Nur so ist das Mienenspiel, die körperliche Wucht zu erklären. Hoffmanns Charaktere leben in ihrer liebevollen Überzeichnung, nie sind es nur Spottobjekt, immer sind wir es, die in diesen Figuren leben. Die Rollenspiele: Sie verbergen den Kabarettisten, das Leipziger Urgestein. Und dennoch geben sie Hoffmann gnadenlos preis. Er ist das gepeinigte Empathiemonster, hier liegt das Ohr an der Schiene der Geschichte. Hoffmann findet die herrschenden Machtverhältnisse im Herzen seiner Nachbarn! Lebloses Erklärkabarett war gestern. Mögen sich andere ans Klavier setzen und kalt von der Welt erzählen, mögen andere eine investigative Show inszenieren. Hoffmann stülpt seine entdeckten Widersprüche da hinein, wo sie herkommen: In uns! Da gibt es die Oma mit Krückstock und brennendem Verlangen: Ich will wissen, wie das so ist, wenn man nicht mehr ist!" Sie kann sich ihr Sterbchen" nicht mehr leisten, sucht die nächstbeste Baugrube, in der sie kostenfrei verscharrt werden kann. Wir lachen und spüren gleichzeitig, wie uns die Verzweiflung packt. Das ist Hoffmanns Anarchie, das ist seine Freiheit, die Eindeutigkeiten in die Hölle grinst.

Und auf dem Nüschel ein Käppi, wo geschrieben steht: DIGGA". So stehen wir Aug in Aug mit den Verhältnissen, wir erkennen sie in unseren Eingeweiden, während protzig unser Zwerchfell strapaziert wird. Hoffmanns Performance gibt uns einen Klaps auf die Schulter. Oder war es ein Tritt in den Hintern? Oder ein Griff an den Arsch? Ist das Kumpelei oder Sexismus? Ist das Aufklärung oder göttlich-schützendes Verarschen? Und die Flüchtlingswelle? Da halten wir uns doch an der Zeitungsente fest! Klar, nach der Rentenkommt die Leichenschwemme. Wohin mit den Kadavern, die voll mit Klosterfrau Melissengeist", die voll mit Monsanto" und Chemie sind? Zum Monde werden die geschossen, die Toten. Wo sollen sie auch sonst hin? So logisch ist es, wenn Hoffmann Lösungen für die Erde, den Krawallbruder des Kosmos, vorschlägt. Zynisch, herzlich, abgrundtief ambivalent, zu tiefst verletzt. Der vernunftbesoffene Klamauk als höchste Form von Bewusstsein. Für die Smartphone- Zombies gibt es die Veräppel-App, für das Publikum Songs. Wieder hat Hoffmann ein wuchtiges Programm herausgeprügelt. Gäbe es diese Verwandlung nicht, Hoffmann wäre zweifelsfrei verloren. Ein Mensch, wie stolz das klingt. Chapeau!

Am Stand der Dinge von Lumpen, Flaschen und Altpapier", 18., 22., 27. und 28. Juli, Central- Kabarett, jeweils 20 Uhr, www.centralkabarett.de

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